Kanalisation

Aus Heimatforschung Ostfriesland
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Eine Kanalisation entstand in der Stadt Norden erst ab 1958. Möglich wurde dies vor allem durch großzügige Fördermittel von Bund und Land. Bis dahin war es üblich, dass jeder Haushalt seine eigene Sickergrube besaß, die er regelmäßig leeren lassen musste. Noch heute ist ein Großteil der abgelegenen Gebiete in Westermarsch I, Westermarsch II und Ostermarsch nicht an die öffentliche Schmutzwasserkanalisation angeschlossen. Die letzte große Erweiterung erfolgte 2003, als Nadörst angeschlossen wurde.

Geschichte

Erste, schriftlich überlieferte Überlegungen zum Bau einer öffentlichen Kanalisation stammen aus dem Jahr 1879. Auf Beschluss des Stadtrats vom 29. Mai 1879 bildete der Magistrat am 6. August 1879 eine Kommission, die sich mit der Planung einer solchen befassen sollte. Viel geschah nicht und so kam das Thema am 15. November 1892 erneut auf. Es vergingen weitere vier Jahre, bis Fehninspektor Iggena einen Planungsbericht vorlegte. Doch das Vorhaben versandete erneut, bis man sich schließlich im Frühjahr 1907, 28 Jahre nach Beginn der Planungen, für den Beibehalt des bisherigen Zustands entschied. Ein gutes Vierteljahrhundert später kam das Thema erneut auf. Am 11. Oktober 1932 enthält das Protokoll des Magistrats kurze Notizen über erneute Planungsvorhaben. Doch auch diesmal kam das Projekt zum Erliegen.[1]

Bau der Kanalisation Am Hafen / Dammstraße (Januar 1959).

Konkret wurden die Planungen erst, nachdem das Oberkommando der Kriegsmarine (OKM) erklärte, Norden zur Garnisonsstadt machen zu wollen. Schon 1938 begann die Kriegsmarine mit dem Bau des Marine-Durchgangslagers in Tidofeld. Am 14. März 1939 wurde das Kanalisationsprojekt daher nun ernsthaft angegangen. Dem Ingenieursbüro Vaupel wurde hierbei der Auftrag für die Planerstellung erteilt. Allen Beteiligten erwartete ein knapper, eigentlicher nicht einzuhaltender Zeitrahmen von nicht einmal einem Jahr. Das OKM hatte den 1. April 1940 als Termin für die Fertigstellung festgelegt, was in Anbetracht der großen Anstrengungen natürlich niemals möglich gewesen wäre.[1][2] Dennoch wurde mit den Arbeiten begonnen.

Ingenieur Vaupel beabsichtigte, an einem tiefen Punkt ein Sammelbecken einzurichten, von wo aus die Abwässer dann mittels Pumpen direkt in die Nordsee geleitet werden sollten. Das Reichsernährungsministerium sprach sich hingegen für die landwirtschaftliche Verwertung der Abwässer aus. Als geeignetes Gebiet für dieses Pumpenwerk sah man im Hooker, wo die Bauern in einer Abwassergenossenschaft zusammengefasst werden sollten.[2]

Schon bald wurde klar, dass eine sinnvolle Verwertung der Abwässer nicht möglich war, sodass die Planungen sich auf die Ableitung der Abwässer in die Nordsee fokussierten. Am 8. August 1939 wurde der Regierungsbehörde in Aurich daher ein entsprechender Vorentwurf zur Genehmigung vorgelegt. Es kam zu Verhandlungen zwischen der Stadt und den Behörden, die dazu führten, dass die gesammelten Abwässer mechanisch-biologisch gereinigt und dann in das Norder Tief abgelassen werden sollten. Das Reichsernährungsministerium mischte sich erneut in die Planungen ein und hielt an einer landwirtschaftlichen Verwertung der Abwässer fest.[2]

Nachdem nun am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, stellte die Kriegsmarine die Bauarbeiten für ein Kasernengelände ein.[3] Dieses war wahrscheinlich im Umfeld der Brauhausstraße bzw. dem Funkweg geplant, wo sich ursprünglich der erste Hauptsitz von Norddeich Radio befand. Noch heute zeugt zumindest die Brauhausstraße 14, ein großes Mehrfamilienhaus, das ursprünglich für Wehrmachtsangehörige errichtet wurde, von einer - wenn auch geringen Bedeutung - der Stadt als Wehrmachtsstandort.[4] Die nun fehlende Eilbedürftigkeit führte nun dazu, dass die Stadt, das Reichsernährungsministerium, die Regierungsbehörde und der Entwässerungsverband sich nicht auf einen gemeinsamen Plan einigen konnte und das Projekt schließlich mit fortschreitendem Kriegsverlauf an Priorität verlor und dadurch schließlich eingestellt wurde.[3]

Kurz nach Kriegsende, am 13. April 1946, wurden die Planvorhaben wieder aufgegriffen. Es dauerte jedoch erneut bis 1952, dass diese konkret wurden. Die neuen Entwürfe sahen nun ebenfalls eine landwirtschaftliche Verwertung der Abwässer vor. In einem Gutachten des Diplomingenieurs Wilhelma wird dabei gar von einem "volkswirtschaftlichen Erfolg" gesprochen. Dies erschien nun ohnehin als einzige Möglichkeit, da die Ableitung in die Nordsee von Seiten des Wasserwirtschaftsamtes in Aurich verboten wurde. Aber auch diesmal mehrten sich Bedenken gegen eine entsprechende Verwertung, insbesondere unter dem Hinweis auf neue Industrieansiedlungen, deren Abwässer sich wohl kaum für die Landwirtschaft nutzen ließen. Außerdem wurde angemahnt, dass die Planenden bis dahin nicht zwischen Abwasser und Regenwasser unterschieden hatten, die qualitativ völlig unterschiedlich sind.[5]

Kanalisationsarbeiten in der Innenstadt (1963).

Nach längeren Vorverhandlungen wurde schließlich am 4. Oktober 1954 der Diplomingenieur Preußner aus Hamburg mit der Überarbeitung der bestehenden Pläne beauftragt.[5] Am 21. August 1956 legte Preußner den fertigen Entwurf einer vollständigen Schmutzwasserkanalisation mit Pumpwerken und Kläranlage vor. Sowohl seine Ausarbeitung als auch die verantwortlichen Behörden erkannten nun die Notwendigkeit einer Ableitung des geklärten Abwassers in das Norder Tief. Allerdings verweigerte das Wasserwirtschaftsamt dahingehend seine Zustimmung, als dass die Planungen unverändert keine Trennung zwischen Regen- und Abwasser vorsahen. Auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium verweigerte unter diesen Bedingungen seine Zustimmung und erteilte am 21. September 1957 die Auflage, einen Entwurf für eine gesonderte Regenwasserkanalisation nachzureichen. Nachdem dies gelang, wurde am 17. März 1958 die Genehmigung erteilt und am 25. August des Jahres beschloss der Stadtrat die Ausführung des ersten Bauabschnitts (Innenstadt) mit einem Kostenaufwand von rund 4 Millionen DM. Am 8. Dezember 1958 erfolgte der erste Spatenstich.[6][7]

Für den Bau erhielt die Stadt erhebliche Zuschüsse von Bund, Land und Landkreis.[7] Ohne diese finanzielle Unterstützung wäre die Umsetzung wohl auch nicht möglich gewesen, zumal bereits im Frühjahr 1959 eine Aufstockung von 4 auf 5 Millionen DM erfolgen musste. Immerhin kamen die Bauarbeiten schnell voran, sodass der erste Bauabschnitt Anfang 1960 fertiggestellt war. Es folgte der zweite Bauabschnitt, dessen Haushaltsvolumen 6,2 Millionen DM umfasste und im Frühjahr 1961 abgeschlossen werden konnte. Danach folgte der dritte Bauabschnitt, der 1963 in Angriff genommen wurde. Mit dessen Fertigstellung umfasste das Kanalnetz bereits über 50 Kilometer. Ein besonders positiver Effekt der Kanalisationsarbeiten bestand darin, dass im gleichen Zuge ein Großteil der bis dahin nur schlecht oder gar nicht befestigten Straßen in Norden ausgebaut wurden.[8] Die Fertigstellung des Klärwerks folgte bis 1963.[9]

Die Bauarbeiten im Stadtgebiet endeten Ende der 1960er Jahre. Während ein Großteil der abgelegenen Höfe und Siedlungen in den ländlichen Stadtteilen Westermarsch I, Westermarsch II und Ostermarsch, die erst seit 1972 zur Stadt Norden gehören, bis heute nicht an die Schmutzwasserkanalisation angeschlossen sind und über eigene, kleine Kläranlagen bzw. Sickergruben verfügen, erhielt Nadörst 2003 einen Anschluss an das Kanalnetz.[10] Die Oberflächentwässerung hingegen wird hingegen auch in den ländlichen Gebieten in Teilen über ein geschlossenes Kanalnetz abgeleitet, wenngleich der größte Teil dieser Entwässerung weiterhin durch Versickerung oder die zahlreichen Entwässerungsgräben gewährleistet wird.

Galerie

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Stadt Norden (1963): Kanalisation und Kläranlage der Stadt Norden, Norden, S. 11
  2. 2,0 2,1 2,2 Stadt Norden (1963): Kanalisation und Kläranlage der Stadt Norden, Norden, S. 12
  3. 3,0 3,1 Stadt Norden (1963): Kanalisation und Kläranlage der Stadt Norden, Norden, S. 14
  4. Medienzentrum des Landkreises Aurich (Bildarchiv: 0270525.jpg)
  5. 5,0 5,1 Stadt Norden (1963): Kanalisation und Kläranlage der Stadt Norden, Norden, S. 15
  6. Stadt Norden (1963): Kanalisation und Kläranlage der Stadt Norden, Norden, S. 16
  7. 7,0 7,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 67
  8. Stadt Norden (1963): Kanalisation und Kläranlage der Stadt Norden, Norden, S. 17
  9. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66
  10. Zeitzeugenbefragung am 6. Oktober 2021

Siehe auch