Rathaus

Aus Heimatforschung Ostfriesland
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Neues Rathaus

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Basisdaten
Entstehungszeit 1855
Erbauer Laurenz van Hülst
Bauweise Stadtvilla
Erhaltungszustand erhalten
Genaue Lage Am Markt 15

26506 Norden

Das Neue Rathaus (früher: Villa van Hülst) ist seit dem Herbst 1883 der Sitz der Norder Stadtverwaltung sowie Sitz des Stadtrates und des Bürgermeisters. Es war der Nachfolgebau des Altes Rathaus. Neben der Stadt Norden hatten nur noch die Sandbauerschaft (Vorderräume des Hofs Constapel) und die Gemeinde Lintelermarsch (Hattermannsweg 3) ein eigenes Rathaus. Alle anderen ehemaligen Gemeinden und heutigen Stadtteile erledigten ihre Amtsgeschäfte in den Privaträumen des Bürgermeisters sowie des Gemeindedirektors.

Geschichte

Das Grundstück des heutigen Rathauses war Standort eines bereits im 16. Jahrhundert erwähnten Gebäudes.[1][2] Bereits um 1750 war das Gebäude im Besitz der bekannten Familie Fridag, zuletzt soll hier nach Angaben von Gerhard Canzler die als Madame Fridag bekannte Anna Julia Agathe Fridag, geb. Hüllesheim gewohnt haben. Da diese jedoch erst 1803 geboren ist, kommen hier eher ihre Eltern oder Großeltern in Betracht.[3] Nach ihrem Tod fiel ihr Eigentum offenbar an den Gerichtsassesor Dothias Christian Kettler zu Esens und einen männlichen Nachkommen namens Fridag, der in Leer zu dieser Zeit als Kriegsrat tätig war.[3][4]

Laut Vertrag vom 22. November 1783 wurden Grundstück und Gebäude von ihnen für 2.750 Reichstaler in Gold an den Kaufmann Doede Lübberts Cremer veräußert.[3] 1778 kam hier Antje ten Doornkaat Koolman, geb. Cremer zur Welt.[5][6] Nach dessen Tod im Jahre 1810 ging das das Anwesen in den Besitz seines Sohnes Sicco Doden Cremer über, nachdem er die Miterben mit 7.200 Gulden in Gold auszahlte.[3] Das Gebäude umfasste seinerzeit eine Vielzahl an großzügigen Räumen, die teilweise Namen hatten. So wurde das südliche Zimmer, das zum Garten zeigte, Gartenzimmer genannt. Den Arbeitsbereich (heute wurde man wohl Büro sagen) umfasste ein südlich zum gepflasterten Hof gelegenes sowie das zum Marktplatz ausgerichtete Zimmer. Ein anderes, im hinteren Bereich gelegenes Zimmer wurde Fehnzimmer genannt.[7] Cremer war zeitlebens (auch) Direktor der Norder Fehngesellschaft und erledigte die damit anfallenden Verwaltungsaufgaben wohl von hier aus.

Cremer wiederum vermachte es um 1852 an seinen Schwiegersohn, den mennonitischen Prediger Laurenz van Hülst.[1][2][3] Dieser ließ den vorhandenen Bau im Jahre 1855 abbrechen und an gleicher Stelle die bis heute erhaltene Villa als Wohnhaus für sich errichten. Nach seinem Tode ging das Wohnhaus zunächst in den Besitz von van Hülst's Ehefrau, Peta van Hülst, geb. Cremer. Nach ihrem Ableben im Jahre 1874 erbte ihr gemeinsamer Sohn Sicco Theodor van Hülst Haus und Grund.[8]

Nachdem er das Gebäude einige Zeit selbst als Wohnhaus nutzte, verkaufte er es im Jahre 1880 für 50.000 Mark an die Stadt Norden, die zu diesem Zeitpunkt dringend nach einem Ersatz für das zu klein gewordene Alte Rathaus gesucht hatte, doch erst im Sommer 1884 erfolgte der Umzug der Stadtverwaltung. Am 23. September 1884 tagte der Magistrat dann erstmals im neuen Rathaus.[8] Die Familie van Hülst errichte sich indes ein neues Anwesen an der Doornkaatlohne.

Mit dem Haupthaus erwarb die Stadt zugleich die dritte (rechte) der Drei Schwestern. Der hintere, untere Teile wurde der Polizei als Dienstsitz zur Verfügung gestellt, deren Umzug vom Wachthaus am Marktplatz zeitnah erfolgte.[9] Räumlichkeiten hinter der Dritten Schwester wurden zudem ab etwa 1886 als Spritzenhaus für die Norder Feuerwehr genutzt.[10] Der rechte Bau (mit der Hausnummer 14) wurde 1963 für den Bau eines Parkplatzes abgebrochen, was leider dem damaligen Zeitgeist geschuldet war. Das Gebäude bzw. seine Fassade nebst Giebel wurde erst im Jahre 1991 anhand von alten Fotografien rekonstruiert.[1]

Erstmalig, um ihre Macht auch in Norden für jedermann sichtbar zu demonstrieren, hissten die Nationalsozialisten die Hakenkreuzfahne am Vormittag des 6. März 1933 am Rathaus. Das gleiche Zeremoniell vollzogen sie anschließend am Fräuleinshof, dem Sitz des Landkreis Norden.[11] Der Zeitpunkt war sicherlich nicht zufällig gewählt, ist doch Montagvormittags seit jeher stets auch Wochenmarkt.

Wahrscheinlich ebenfalls während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der rückwärtige, langgezogene Anbau errichtet. Die dort befindlichen Grundstücke zählten damals zur Sielstraße 75-77 (alte Nummerierung) und gehörten den jüdischen Familien Löwenstein, Lemmersmann und Goldschmidt. Diese betrieben dort in wirtschaftlicher Koexistenz drei Schlachtereien und wurden 1938 enteignet. Bürgermeister Eifrig stellte den dreifachen Antrag auf Übereignung der Grundstücke zugunsten der Stadt.[12] Es ist jedoch sowohl unklar, ob die Grundstücke tatsächlich an die Stadt gingen oder der Anbau erst später errichtet wurde. In jedem Fall ging das Haus 75 an einen Privatmann, die beiden anderen an das Deutsche Reich.[13]

Im Februar 1945 verfügte der Bremer Reichsverteidigungskommissar die Schließung aller Schulen im Weser-Ems-Gebiet. Im Zuge dieser Anordnung schloss auch das Ulrichsgymnasium seine Pforten auf unbestimmte Zeit. Die Kohlenvorräte wurden konfisziert und in den Klassenräumen ein Marinelazarett eingerichtet. Für die Schüler der Klasse 6 fand der Unterricht deshalb im Sitzungssaal des Rathauses statt.[14] Am späten Nachmittag des 4. Mai 1945 erschienen plötzlich deutsche Fallschirmjäger vor dem Rathaus und sprengten den Fahnenmast, nachdem kapitulationswillige Bürger hier eine weiße Fahne gehisst hatten. Noch am gleichen Tag wird Norden jedoch zur offenen Stadt erklärt und den Alliierten kampflos übergeben.[15]

Der noch mindestens in die 1950er Jahre bestehende, das Gebäude schmuckvoll umrahmende Gärtchen mit Metallzaun wurde aus unbekannten Gründen entfernt.[16]

Beschreibung

Das Norder Rathaus wurde im Stil des Klassizismus erbaut. Der Balkon über dem Haupteingang wird durch ein schmiedeeisernes Balkongitter begrenzt.[17]

Stadtarchiv

In den Wirren der Nachkriegszeit verschwanden viele historisch unschätzbar wertvolle Dokumente aus dem im Keller befindlichen Stadtarchiv, so etwa das Bürgerbuch von 1853 bis 191. Das Papier wurde offenbar von vagabundierenden Soldaten als Feuerungsmaterial verwendet.[18]

Nicht weniger frevelhaft war jedoch das Verhalten der Verwaltung gegenüber dieser historischen Dokumente. Als das Norder Stadtarchiv im April 1964 in das Niedersächsische Staatsarchiv überführt wird, finden die Archivare zahlreiche auf dem Boden liegende und ungeordnet in Schränken und Regalen abgelegte Dokumente zusammentragen.[18]

Trivia

In der Zeit um 1812 hatte das Gebäude die Hausnummer 386.[19] Es war der Westerkluft, 4. Rott zugehörig und trug offenbar schon um 1750 die Nummer 386.[3]

Galerie

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 72ff.
  2. 2,0 2,1 Cremer, Ufke (1938): Die Hausnummern Nordens im Jahre 1812, Norden, S. 2
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 Canzler, Gerhard (2002): Doornkaat. Eine Firmenchronik, Norden, S. 136
  4. Genealogische Aufzeichnung zu Dothias Christian Kettler, abgerufen am 29. März 2022
  5. Stammbaum der Familie Herlyn, abgerufen am 22. März 2021
  6. Biographie des Jan ten Doornkaat Koolman in der der Personendatenbank der Ostfriesischen Landschaft
  7. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 51
  8. 8,0 8,1 Haddinga, Johann (2007): Biographie des Sicco Theodor van Hülst, veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft
  9. Haddinga, Johann (2010): Die Polizei und ihre Geschichte(n), in: Heim und Herd vom 20. Oktober 2018, Beilage Ostfriesischer Kurier Nr. 10, S. 37ff.
  10. Archivunterlagen der Feuerwehr Norden
  11. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 29
  12. Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 362
  13. Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 363
  14. Kaszemek, Hildegard (1967): Das Ulrichsgymnasium Norden von Ostern 1939 bis 1. Mai 1945. In: Derk de Haan: 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden, S. 36f.
  15. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43
  16. Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 10
  17. Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 274
  18. 18,0 18,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 76
  19. Cremer, Ufke (1938): Die Hausnummern Nordens im Jahre 1812, Norden, S. 2

Siehe auch