Vierzig Diemat

Aus Heimatforschung Ostfriesland
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Vierzig Diemat

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Basisdaten
Administrativer Stadtteil Norden
Ungefähre Lage südlich des Stadtgebiets

Vierzig Diemat (auch: 40 Diemat) gehört als informelles Stadtviertel zur Kernstadt von Norden. Der Name geht zurück auf seine ungefähre Größe von 40 Diemat, was ungefähr 228.000 Quadratmeter (22,8 Hektar) entspricht. Dominiert wird das Viertel vor allem durch Reihen- und Mehrfamilienhäuser aus den späten 1960er Jahren sowie anliegende Gewerbebetriebe. Ein Großteil des Landes gehörte Johann Schmertmann, weshalb es auch Schmertmanns Land genannt wurde.

Etwa mittig des Viertels befindet sich ein Kinderspielplatz, an dem sich ein großes Fußballfeld anschließt. Auch wurden an mehreren Stellen Garagen für die Kraftfahrzeuge der Bewohner geschaffen, da die Häuser nicht über eigene Garagen verfügen. Die Straßen von Vierzig Diemat sind allesamt durch Pfade und Wege miteinander verbunden, die für gewöhnlich nicht mit Kraftfahrzeugen befahren werden können.

Geografie

Vierzig Diemat liegt südwestlich des historischen Stadtkerns und lässt sich geografisch in etwa wie folgt umgrenzen: Im Norden entlang der Fritz-Reuter-Straße, aber noch unterhalb der Radbodstraße, im Osten bis zur Schlachthausstraße, im Süden bis zum Norder Tief und im Westen bis zur Bürgermeister-Dr.-Schöneberg-Straße, welche direkt an der Grenze zu Westermarsch I liegt.

Geschichte

Das Land, das Vierzig Diemat umfasst, wurde von 1581 bis 1583 durch Graf Edzard II. eingedeicht. Das neu gewonnene Land wurde Westermarscher Neuland genannt und wurde mit dem Neuen Süderdeich vor den Fluten der damals noch bis hierhin reichenden Leybucht geschützt. Bis dahin stand das Land seit der Ersten Dionysiusflut in den Jahren 1374 und 1375, bei der auch das spätere Süderneuland an das Meer verloren wurde, unter Wasser, was seinen morastigen Boden, der durch die umfassende Bebauung heute nur noch westlich des Schlachthofs erkennbar ist, erklärt. Amtlich gehörte das neue Land seit jeher zu Westermarsch I.

Bereits die Mutter von Graf Edzard II., Anna von Oldenburg, hatte umfangreiche Bemühungen zur Neulandgewinnung unternommen und auch die Rückgewinnung von Vierzig Diemat, dessen Name jedoch erst später aufgekommen ist, in die Wege geleitet, in dem sie schon zwischen 1546 und 1551 den Alten Süderdeich errichten ließ, dessen Verlauf heute noch vor allem anhand des Altendeichswegs erkennbar ist. Das nun seit 1583 zwischen beiden Deichen liegende Land wurde fortan für den Unterhalt der Olde Borg, die wohl seit spätestens 1464 den Cirksenas gehörte, genutzt. Teilweise findet sich daher auch die Bezeichnung Küchenland für die hiesigen Ländereien.

Recht früh nach der Eindeichung scheint es in Vierzig Diemat bereits ein Dachpfannenwerk (genannt: Pannenwerk) eines Popke Iderhave gegeben haben. In dieser Zeit hat es eine vergrößerte Nachfrage nach Dachziegeln gegeben, da die bisher hauptsächlich reetgedeckten Häuser verheerende Folgen bei den zahlreichen Stadtbränden der Vergangenheit hatten und deshalb nach und nach ersetzt wurden.[1]

Graf Ulrich II. verkaufte das Land 1631 schließlich an einen Amtmann namens Rautenstein aus Varel, vermutlich aus Geldmangel infolge des Dreißigjährigen Kriegs. Die nachfolgende Nutzung ist ungewiss, vermutlich wurde das Land verpachtet und für landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Nach dem Abbruch der Burg gehörte das Land um Vierzig Diemat zum Kaufmannschen Haus, auch wenn nicht klar ist, ob die Besitzer des Hauses das Land dem Amtmann abkauften oder es von ihm pachteten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts unternahm die Stadt Norden erste Landkäufe von der noch bis 1972 eigenständigen Gemeinde Westermarsch I, um Platz für einen Schlachthof und ein Gaswerk zu schaffen. In dem seinerzeit nur gut 0,9 km² kleinen Stadtgebiet war hierfür schlichtweg kein Platz, weshalb die Stadt immer wieder Ländereien zukaufen musste. Als die Bevölkerung durch Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg regelrecht explodierte und dringend weiteres Bauland benötigt wurde, erwarb die Stadt im Jahre 1952 weiteres Land von der Westermarscher Gemeinde. Da dieses etwa 23 Hektar große Land in der mittelalterlichen Maßeinheit Diemat etwa 40 Diemat entsprach, bürgerte sich bald der Name dafür ein und hat sich bis heute im allgemeinen Sprachgebrauch erhalten.

Insgesamt erbaute der Erschließungsträger Neue Heimat ab etwa 1968 ganze 141 Wohnungen in Mehrparteienhäusern (Wohnblocks) sowie die Niedersächsische Heimstätte weitere 96 Eigenheime, die dem Stadtviertel bis heute seine charakteristische Prägung geben.[2] Die meisten Gebäude, sei es in Vierzig Diemat, in Neustadt oder anderswo, waren zu dieser Zeit von weitestgehend einheitlichem Aussehen. Erst in den 1970er Jahren setzte sich der Trend zu einer Individualbebauung durch, der sich in größerer Ausprägung vor allem im Umfeld der Heinrich-Heine-Straße erstmals offenbarte. Aus diesem Grund nannten die ärmeren Stadtbewohner diese Baugebiete in Abgrenzung zu den ihren spöttisch Millionenviertel.

Vierzig Diemat bestand in seiner Anfangszeit vor allem aus Wohnblocks, die sich entlang der Berend-de-Vries-Straße, Enno-Hektor-Straße und August-Hinrichs-Straße konzentrieren. Die weiteren Straßen östlich der Zuckerpolderstraße bestehen bis zur Herbert-Gentzsch-Straße vor allem aus Reihenhäusern. Freistehende Einfamilienhäuser sind im vorgenannten selten und wurden erst im Laufe der weiteren Jahre erbaut. In zweiten Hälfte der 1990er Jahren wurde Vierzig Diemat westlich der Zuckerpolderstraße um ein Neubaugebiet erweitert, das wegen der dortigen Straßenbenennung nach den zum Zeitpunkt der Erschließung bereits verstorbenen Norder Bürgermeistern der Nachkriegszeit auch den Namen Bürgermeisterviertel trägt.

Ab der Mitte der 2000er Jahren wurde das Viertel um weitere Straßen nördlich von Am Norder Tief erweitert. Entgegen ihrer anfänglichen Bebauung handelt es sich bei den Neubauten überwiegend um freistehende Einfamilienhäusern mit eigenem Grundstück und Garagen. Mitte der 2010er Jahre folgten zwei Stadtvillenähnliche Mehrfamilienhäuser, 2020 erbaute die Post direkt daneben ein neues Postverteilungszentrum. Das Postamt am Marktplatz wurde infolge dessen geschlossen.

Ab 2017 begonnene Pläne zum Bau eines neuen Polizeigebäudes auf Schmertmanns Land hinter dem Schlachthof wurden 2020 verworfen und als neuer Standort eine Fläche auf dem ehemaligen Doornkaatgelände ins Auge gefasst. Das Land dort ist aufgrund der Geruchsbelästigung und Bodenbeschaffenheit kaum für ein größeres Gebäude geeignet. Dennoch möchte hier ein auswärtiger Geschäftsmann mehrere Seniorenresidenzen des gehobenen Standards errichteten, was im Stadtrat und der Bürgerschaft auf ein sehr geteiltes Echo stößt. Abgesehen von einer Grünfläche zwischen der Bürgermeister-Dr.-Schöneberg-Straße und dem Klärwerk wären dann praktisch alle Freiflächen von Vierzig Diemat bebaut.

Die südliche Straßenseite von Am Norder Tief ist eines der Gewerbegebiete von Norden. Hier befinden sich mehrere Betriebe, unter anderem der Kiebitzmarkt als Nachfolger des ursprünglich am Vossenhus ansässigen Landhandels Mennenga & Poppinga. Am westlichen Ende liegen das Klärwerk sowie der Bauhof der Stadt Norden. Bis zum Ersten Weltkrieg befand sich dort auf dem Zuckerpolder noch eine Ziegelei und einst auch Zuckerraffinerie.

Seit Mitte der 2010er Jahren bestehen Planungen für ein weiteres Neubaugebiet (Planbezeichnung: Südlich Wigboldstraße) westlich des Bürgermeisterviertels. Nicht zuletzt wegen der Unkenntnis der Planenden über die Historie dieser Ländereien verzögerte sich der Bau auf nicht absehbare Zeit, was für große Kritik in der bauwilligen Bevölkerung sorgt. So war zuletzt der Süderdeich von 1581 ausgegraben worden. Die Bodenuntersuchungen dauern daher noch weiter an und verzögern die Erschließung weiterhin. Kritisiert wird auch, dass die Norder Kernstadt ausreichend Bauflächen bietet und man dennoch das ländlich geprägte Westermarsch I zur Bebauung vorzieht.

Einzelnachweise

  1. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 39
  2. Leiner, Karl (1972): Norden. Gestern heute morgen, Norden, S. 78

Quellenverzeichnis

  • Scheuermann, Ulrich (1995): Flurnamenforschung. Bausteine zur Heimat- und Regionalgeschichte
  • Schreiber, Gretje (2011): Das Norder Hafengebiet und seine beiden Häfen im 16. Jahrhundert

Siehe auch